Wir sind keine Bio-Faschisten

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Foto: Süleyman Kayaalp

Bio-Lebensmittel sind eine feine Sache und stehen aktuell hoch im Kurs. Noch besser ist der Eigenanbau. Das Cronenberger Ehepaar Armbruster geht noch ein paar Schritte weiter – alles für den guten Geschmack. 

Netto, Rewe, Lidl, Edeka und Co. sind Schmelztiegel der globalen Lebensmittelindustrie. Hinter jedem essbaren Naturerzeugnis tun sich gefühlt Abgründe auf, die man kaum mehr durchschaut. Alleine die Herkunftsländer der Waren im Supermarkt lassen einen nicht selten stutzen: Tomaten und Gurken aus der spanischen Provinz, Äpfel aus Chile, Bananen aus Ecuador, Kohlrabi aus Italien. Regionale Produkte sucht man meist vergebens. Das ganze Jahr über werden uns nahezu alle denkbaren und undenkbaren Gemüse- und Obstsorten im Handel angeboten. Immer frisch, immer knackig und immer absolut makellos. Nur das Beste für europäische Konsumenten. Aber wie viele der Supermarktbesucher können heute noch sagen, wann welche Sorte Saison hat? Die Frage nach den Folgen von langen Transportwegen und den oft fragwürdigen Arbeitsbedingungen vor Ort mal außen vor gelassen. Was ist mit Pestiziden und Antibiotika im Fleisch? Was und wie viel davon ist schlecht? Leidet meine Gesundheit oder unser Klima unter meiner Kaufentscheidung? Wie bio ist Bio? Nahrung einkaufen ist längst zu einer moralischen Tätigkeit geworden. Was wohl Bertolt Brecht zu dieser Entwicklung gesagt hätte? Erst das Fressen, dann die Moral? Der Wocheneinkauf als Gewissensfrage, die mit dem Portmonee an der Kasse besiegelt wird. Es geht natürlich auch ganz anders.

Immer mehr Menschen fühlen sich dazu berufen, selbst Hand anzulegen. Im eigenen Garten, auf dem Balkon oder sogar mitten in der Stadt, im Rahmen von Urban Gardening. Wer seine Lebensmittel selbst produzieren will, der darf nicht zu wählerisch sein, sollte Zeit haben – und Platz. Alles Faktoren, die Uli Armbruster und seine Frau Conny erfüllen. Die beiden Rentner produzieren einen Großteil ihrer Nahrung selbst, auf ihrem Grundstück in Wuppertal Cronenberg. Rund achtzig Prozent des eigenen Bedarfs kann das Rentnerpaar damit decken. Die gelbe Tonne ist für die beiden eigentlich überflüssig.

Uli Armbruster hält grundsätzlich nicht allzu viel von industriell hergestellten Produkten, nicht unbedingt nur aus moralischen Gründen, sondern vor allem wegen des Geschmacks. „Ich würde nirgendwo Hühnchen essen“, sagt er etwas angewidert. „Hühnerbrust aus dem Laden schmeckt wie Marshmallow, das ist einfach kein Vergleich.“ Deshalb finden interessierte Besucher hinter dem Einfamilienhaus unter anderem einen kleinen Hühnerstall mit besagten Federviechern. Das Schlachten selbiger überlässt Frau Armbruster gerne ihrem Mann. „An dem Tag gibt es allerdings auch kein Fleisch zu essen. Es schmeckt dann einfach nicht so gut“, sagt sie.

Das Recht zu scheitern

Angefangen hat die Leidenschaft fürs Hausgemachte vor über 30 Jahren. Das Know-how dafür wurde beiden gewissermaßen in die Wiege gelegt. Sie sind mit der täglichen Arbeit im Garten und Tieren, die größtenteils auch zum Verzehr gedacht waren, groß geworden. Der Rest war Learning-
by-doing und bestimmt nicht immer einfach: „Man muss sich auch das Recht einräumen zu scheitern. Dann gibt es halt mal nichts zu essen“, sagt Armbruster und lacht. Auch im Freundeskreis gebe es überzeugte Selbstversorger, man hilft sich untereinander, gibt sich Tipps, tauscht Erfahrungen aus. Und wenn das Paar in den Urlaub fährt, kümmern sich die Nachbarn um den Garten. Der ist nicht nur Heimat von Hühnern und einigen Kaninchen, sondern vor allem voll mit heimischen Gemüsesorten. Verschiedene Salatsorten, Rettich, Wirsing, Möhren, Bohnen, Rotkohl, Zucchini – die gesamte Palette. Außerdem wird man von zwei vor Kraft strotzenden Kampfhähnen begrüßt. Die teilen allerdings nicht das Schicksal des anderen Federviehs, sondern sind rein als Haustiere zu Gast. Uli Armbruster ist schlicht fasziniert von den vor Kraft und Eleganz strotzenden Tieren.

Geschützt unter einem Vordach aus Holz steht ein kleiner Räucherofen. Dort reift aktuell der selbstgemachte Schinken des Hausherrn. Eine kleine Kostprobe offenbart den intensiven Geschmack, das Pendant aus dem Supermarkt kann da nicht mithalten. Die Würzmischung hat Armbruster selbst zusammengestellt, das Fleisch stammt von einem Biobauern im Münsterland. Wenn es mal Reh- oder Wildschweinfleisch sein soll, wird dieses beim örtlichen Förster eingekauft, Schafsfleisch gibt es beim Züchter um die Ecke. „Wir sind aber keine Bio-Faschisten, es muss scho‘ auch schmeggen“, erklärt der gebürtige Schwabe. „Wir mussten zum Beispiel mal eine ganze Ernte Bohnen wegwerfen, weil sie nicht geschmeckt haben. Und das war Bio-Saatgut.“ Gute Qualität ist das oberste Ziel bei den Cronenbergern, deshalb stört es sie auch nicht, dass ihre Art zu leben nicht gleichzeitig auch Geld spart. Aber das ist es ihnen wert.

Zum Frühstück genießt man im Hause Armbruster frisch gepressten Saft, Brot aus dem heimischen Backofen, selbstgemachte Marmelade, ein gekochtes Ei aus dem Stall. Was will man mehr? „Und unsere Reste bekommen die Hühner, die fressen einfach alles.“ Der Mist aus den Ställen wird wiederum als guter Kompost für das Pflanzenbeet genutzt. Da schließt sich dann der Kreis.