I was here

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Foto: Süleyman Kayaalp

Wer beim Besuch des Skulpturenparks ganz genau hinschaut, wird sie entdecken: die kleinen inoffiziellen „Werke“ der Besucher. Oft sind es Steinhaufen oder Astkonstruktionen. Ein Interpretationsversuch.

Der Wuppertaler Skulpturenpark Waldfrieden lockt mit seinen Ausstellungen die Kulturbegeisterten nach Wuppertal. Große Namen, überwältigende Werke und die idyllische Natur im Park haben eine einzigartige Wirkung. Eine Wirkung, die so manchen Gast offensichtlich derart inspiriert, dass er selbst Hand anlegt. Das Ergebnis sind kleine „Installationen“, die am Rande der befestigten Wege zurückbleiben, wenn die Besucher sich bereits auf den Heimweg gemacht haben. Die von der Kunst ausgehende Inspiration ist natürlich kein Phänomen, das exklusiv im Skulpturenpark zu finden ist. Der Unterschied ist, hier finden derlei angeregte Besucher eine Vielfalt an geeigneten Materialien vor, die sich zur direkten Umsetzung eignen. Meistens sind es lose übereinandergelegte und arrangierte Äste oder simple Steinhaufen, die dann entstehen.

Geschäftsführer Michael Mader: Besucherwerke als Marken der Begeisterung
Geschäftsführer Michael Mader: Besucherwerke als Marken der Begeisterung

Doch handelt es sich dabei um eigenständige Kunstwerke? Michael Mader, Geschäftsführer des Skulpturenparks, interpretiert die „Besucherskulpturen“ anders: „Ich denke, die Menschen wollen ihre Begeisterung sichtbar machen und einfach etwas hinterlassen. Viele Menschen habe das Bedürfnis, sich an Orten, die ihnen wichtig sind, in irgendeiner Form zu verewigen.“ Ähnliche Steinstapel, sogenannte Steinmännchen, finden sich zum Beispiel als Wegmarken auf populären Wanderrouten. Oft werden sie auch als Symbole der Verbundenheit mit dem Ort gesehen. In anderen Kulturen gibt es darüber hinaus religiöse oder kultische Bezüge. „Mich erinnern die Besucher-Installationen ein bisschen an die Werke von Land-Art-Künstlern wie Richard Long, der mit vorgefundenen Materialien etwas in der Landschaft macht. Da ist es natürlich künstlerisches Konzept.“

Marken am Rand

Es ist wohl nicht davon auszugehen, dass hinter den Besucherwerken intensive künstlerische Prozesse stehen. Aber doch ganz klar der Wille, eine – wenn auch anonyme – Marke zu hinterlassen. „Es gibt Stellen im Park, wo offensichtlich mehrere Menschen aktiv werden“, so Mader. „Für uns ist es natürlich toll, dass der Parkbesuch eine solche Wirkung zu haben scheint. Vorausgesetzt natürlich, die ausgestellten Werke werden dadurch nicht beeinträchtigt.“ Er geht davon aus, dass das besondere Zusammenspiel von Naturerlebnis und Kunstrezeption diese Reaktion hervorruft. „Die Wahrnehmung der Umgebung, der Blick auf die Natur wird verändert“, sagt er. „Die Steinhaufen und die arrangierten Äste sind offenbar eine spontane Reaktion darauf.“

Spontane Schaffenskraft: An einigen Stellen im Park finden sich gleich mehrere Steinstapel
Spontane Schaffenskraft: An einigen Stellen im Park finden sich gleich mehrere Steinstapel

Möglicherweise hängen die Werke der Besucher auch damit zusammen, dass ein direktes haptisches Erleben der Skulpturen nicht möglich ist. „Aus konservatorischen Gründen ist es leider nicht erlaubt, die Kunstwerke anzufassen. Auch wenn viele Werke natürlich genau dieses Verlangen auslösen“, so der Geschäftsführer. Es wäre also denkbar, dass die Spuren der Besucher aus diesem Bedürfnis heraus entstehen. Gewissermaßen als Ersatzhandlung für das nicht erlaubte Berühren der Skulpturen.

Wechselwirkung

Doch es gibt natürlich auch andere Wege, sich mit den Eindrücken vor Ort auseinanderzusetzen, darauf zu reagieren. Ein Beispiel dafür ist Gila Dünnebeil aus Bergisch Gladbach. Sie nutzt ihre regelmäßigen Besuche im Skulpturenpark, um eigene Zeich-nungen anzufertigen oder zu fotografieren. „Ich will mich überraschen und anregen lassen. Mich fasziniert vor allem das Zusammenspiel der Werke mit der Natur. Man guckt dort anders“, sagt sie. Ihre Zeichnungen und Aufnahmen sind keineswegs dokumentarisch, und anders als die Steinstapel verbleiben ihre Werke nicht am Ort der Inspi-ration. Ihre Auseinandersetzung mit dem Park ist ein eigenständiger kreativer Prozess, der direkt vor Ort ausgeführt wird. Einmal hat sie sogar die Rückseite eines Programm-flyers benutzt, um eine Azalee zu skizzieren. „Für mich ist die Stimmung in dem Moment wichtig. Das versuche ich festzuhalten.“