Raumschiff Orion

171013036
Foto: Süleyman Kayaalp

Früher war alles besser – und schöner. Der Retrotrend ist nicht zu stoppen und macht auch vor Hi-Fi nicht halt. Rolf Scheumanns Sammlung von restaurierten Wega-Geräten aus den siebziger und achtziger Jahren ist ein gutes Beispiel dafür. Ein Modell hat es sogar ins Museum geschafft.

Form folgt Emotion – so das Motto des Industriedesigners Hartmut Esslinger. Abgewandelt von der eher nüchternen Bauhaus-Philosophie „form follows function“, die bis heute angehenden Designern an der Uni eingebläut wird. 1984 entwickelte Esslinger gemeinsam mit Steve Jobs den Apple IIc und später auch die Designsprache des legendären Macintosh. Als Industriedesigner erkannte er früh die Wirkung von Design auf das menschliche Empfinden. Rolf Scheumann und seine Lebensgefährtin Leonore Cermak sind leidenschaftliche Fans dieser Ära. Insbesondere die Hi-Fi-Geräte der Firma Wega, deren Design von 1969 bis Anfang der 1980er Jahre von Esslingers Firma frog­design entwickelt wurde, haben es ihnen angetan.

Renaissance des Analogen

Bis zum Einzug der digitalen Technologien in die bundesdeutschen Wohnzimmer galten bullige Lautsprecher und schwere Hi-Fi-Türme als das Nonplusultra. Vorverstärker, Endverstärker, Tuner, zwei Kassettendecks, Plattenspieler – nicht selten wuchsen die übereinander gestapelten und meist bockschweren Geräte auf eine Höhe von rund 60 Zentimeter an. Lange Zeit galt eine „fette Anlage“ als echtes Statussymbol. Heutzu­tage reicht den meisten eine volldigitale Kompaktanlage oder ein Laptop plus WLAN-
Lautsprecher. Doch die Retro-Hi-Fi-Trümmer aus vergangenen Tagen gewinnen in letzter Zeit immer mehr Anhänger. Ebenso wie die analoge Scheibe. Vinyl war nie tot, tönt es aus den Ecken der Liebhaber.

„Das 51K steht heute im Museum of Modern Art in New York“, so Rolf Scheumann. Das Wega Concept 51K ist ein Traum aus hellgrauem Thermoplast, ein kompaktes Hi-Fi-Center, das sich auch gut im Raumschiff Orion gemacht hätte. Versehen mit einem farblich passenden Standfuß erinnert das Ensemble an ein futuristisches DJ-Pult.

Im Rahmen einer Ausstellung in den gemeinsamen Räumen des Second-Hand-
Ladens Patina und Vacation Records am Mirker Bahnhof hatten Scheumann und seine Partnerin Leonore Cermak (61) im Oktober und November 2017 ihre besten Stücke erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Das 51K war eines der Highlights der Ausstellung. Genau wie die wuchtige TV-Kombination Wega Color 3060 mit originalem Lautsprecher-Untergestell aus dem Jahre 1974. „Das Gerät hat sogar Videotext, das gab es da­mals noch gar nicht“, merkt Leonore Cermak an. Der Erstbesitzer hatte die Kombi damals extra für die Fußballweltmeisterschaft angeschafft. 3.500 D-Mark habe sie gekostet, so Cermak. „Für den Color 3060 sind wir extra nach Waldsolms im Taunus gefahren“, erinnert sich Scheumann. „Erst hatten wir kein Interesse, weil er überhaupt nicht funktioniert hat, letzten Endes haben wir ihn dann sogar geschenkt bekommen.“ Heute kann man über den Röhrenfernseher sogar DVDs schauen, allerdings muss das digitale Signal vorher mithilfe eines alten Videorekorders umgewandelt werden. Zum Beweis für die Funktionalität flimmert während der Ausstellung eine Dokumentation von Hartmut Esslinger über die Mattscheibe. „Es muss schon alles richtig funktionieren, sonst macht es keinen Spaß“, erklärt Scheumann. Ihm gehe es um das Zusammenspiel von Design und Technik.

Polieren, schrauben, reinigen

„Ich erfülle mir mit den Geräten gewissermaßen einen Jugendtraum. Damals konnte ich mir das nicht leisten, heute sind die Sachen erschwinglich“, so der 57-Jährige. Den Beginn seiner Sammelleidenschaft markiert ein alter Plattenspieler, den er vor rund vier Jahren in Köln erstanden hat. Die aufwendige Restaurierung hat Scheumann fein säuberlich dokumentiert und in Klarsichthüllen abgeheftet. „Besonders viel Arbeit machen immer die stumpfen Acryldeckel von Plattenspielern. Das Polieren ist echte Knochenarbeit und man muss sehr vorsichtig sein“, sagt er. Drei bis vier Arbeitsstunden brauche er dafür mindestens. Zusätzliche Arbeiten an der Mechanik und dem Gehäuse nehmen meist noch mehr Zeit in Anspruch. Ein Überbleibsel aus der Vergangenheit, mit dem sich Scheumann oft herumplagen muss, ist hartnäckiger Nikotingeruch, der sich in den Tiefen der Geräte­innereien festgesetzt hat. „Den bekommt man meistens nicht ganz weg. Oft kann ich den Geruch um 80 oder 95 Prozent reduzieren.“

Wenn der Sammler mit seiner Restaurierung fertig ist, erstrahlen die Geräte in altem Glanz wie frisch aus dem Hi-Fi-Laden. Das handwerkliche Know-how dafür habe er sich komplett selbst angeeignet, wie er stolz anmerkt. Als gelernter Universalschleifer bringt er die nötige Detailverliebtheit gewissermaßen mit. Und die von Hartmut Esslinger angepriesenen Emotionen für die Geräte sowieso.