Mensch sein heißt verrückt sein

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Foto: Süleyman Kayaalp

Eugen Egners Werk wird oft mit den Adjekti­ven surreal, verrückt oder schräg umschrieben. Der Mann hinter den phantastischen Zeichnungen und Erzählungen wirkt dagegen ziemlich aufgeräumt und konzentriert. Zum Beispiel, wenn er von seiner Kindheit in Langerfeld erzählt. Dabei war diese Zeit alles andere als gewöhnlich. Einige Jahre lebte er mit der Familie in einem ausrangierten Eisenbahnwaggon am Güterbahnhof. Dank der Anstellung des Großvaters bei der Deutschen Bahn konnte man dort kurzfristig unterkommen, während das eigene Haus fertiggestellt wurde. Der Hausbau zog sich allerdings in die Länge und das Provisorium wurde zum Dauerzustand. Langfristig hat sich das Warten aber gelohnt. Das Haus ist heute Egners Wohnsitz und die Geschichte selbst hat mit großer Wahrscheinlichkeit auch ihren Teil zum künstlerischen Werdegang beigetragen.

Nackter Kaiser

Das vererbte Haus ist heute mit allerlei Dingen bestückt, die Eugen Egner in seinem Leben begleitet haben. Im Arbeitszimmer steht eine Reihe E-Gitarren, die auf seine musikalische Aktivität verweisen. Ein nach eigenen Angaben „großes Abenteuer und ambitioniertes Hobby“ des Künstlers, das er unter anderem als Teil des Trios Gorilla Moon auslebt. Auch zu den lädierten Micky-Maus-Comics, die sich im Regal seines Arbeitszimmers stapeln, hat er eine persönliche Beziehung: „Das war der Anfang meiner künstlerischen Sozialisation. Mein Vater hat mir als Kind jeden Mittwoch eins gekauft.“ Größtenteils sind es solche aus der Feder von Carl Barks und in der Übersetzung von Erika Fuchs, die mit ihrem neuartigen Sprachstil eine ganze Generation von Lesern geprägt hat.

Das Wohnzimmer ist derweil prall gefüllt mit Zeichnungen, Bildern und Büchern sowie einigen Original-Collagen von Ror Wolf. Lediglich eine Arbeit von Egner selbst, ein kleinformatiges Ölgemälde, ist sichtbar im Raum platziert. „Ich muss meine Sachen nicht die ganze Zeit über sehen“, erklärt er.

Die Motive für seine irrwitzigen Zeichnungen findet Egner übrigens unabhängig von dem, was man so Realität nennt. „Kunst ist nicht das Leben“, so der 65-Jährige. „Das Groteske im Alltag ist ja meistens nicht so erfreulich. Das sieht man gerade an dem nackten Kaiser in den USA.“ Und doch ist er der Ansicht, dass alles gewissermaßen politisch sei, „ob man will oder nicht“. Als Satiriker sieht Egner sich aber nicht, auch wenn er seit Jahren für das populäre Satiremagazin Titanic arbeitet.

Die wahren Zusammenhänge

„Was ich überhaupt nicht haben kann ist Dummheit. Ich schließe mich da selbst nicht aus. Bildung ist enorm wichtig, um Dinge einordnen zu können“, sagt Egner. Während seiner Schulzeit, die er unter anderem mit dem Wuppertaler Grafiker, Maler und Musiker R.M.E. Streuf verbracht hat, habe er zwar durchaus viel Blödsinn gemacht, schließlich aber auch gelernt, Dinge zu hinterfragen.

Mit fünf Jahren konnte der junge Eugen bereits schreiben und lesen – weil er selbst darauf gedrängt hatte: „Ich hatte immer das Gefühl, die Großen sind mir überlegen, die konnten diese Zeichen lesen. Also muss ich das auch schnell lernen. Sprache hat mich schon immer fasziniert.“ Davon kann man sich übrigens jetzt auch wieder überzeugen: Im März erscheint nämlich ein neuer Band von ihm in der Edition Phantasia. Das Buch mit dem Titel „Die wahren Zusammenhänge“ vereint 25 eigenständige Erzählungen, die thematisch miteinander verbunden sind – und die mit Sicherheit wieder den eingangs erwähnten Adjektiven gerecht werden. Eugen Egner: „Mensch sein heißt verrückt sein. Vieles, was wir tun, ist per se verrückt: Wir beten Geld an und fahren mit Blechkisten durch die Gegend. Man hat sich halt nur daran gewöhnt.“